Zusammenhalt in der Migrationsgesellschaft

Rahmenverständnis des Clusters

Deutschland entwickelt sich zu einer Migrationsgesellschaft und steht vor der Herausforderung, Bedingungen und Prozesse des Zusammenhalts neu zu denken und zu steuern. Dabei geht es um die Ausrichtung sozialer Beziehungen, die Bildung gegenseitigen Vertrauens und die Akzeptanz von multidimensionaler Verschiedenheit. Wie kann eine Vielzahl von Menschen sich mit dem Gemeinwesen verbunden fühlen, Verantwortung übernehmen und den gesellschaftlichen Wandel sowie soziale Regeln mitgestalten? Wie begründen sich Gemeinwohlorientierung, Gerechtigkeitssinn und Solidarität in der derzeitigen „neosozialen“, nicht nachhaltigen Gesellschaft, die Eigennutz belohnt und stetig neue wirtschaftliche, soziale und ökologische Ungleichheiten erzeugt? Wie können Lebensqualität und Lebenszufriedenheit für möglichst viele Bürgerinnen und Bürger unterschiedlicher Herkunft gewährleistet werden?

Es gilt, die überwiegend normativ und ideologisch geführten Integrationsdebatten kritisch zu hinterfragen und die Vorstellung zu überwinden, migrierende Personen müssten sich in die „Leitkultur“ eines homogen gedachten Kollektivs einpassen. Auch die etablierten Formen der Einbindung von Geflüchteten und MigrantInnen in Bildung, Erwerbsarbeit und Wohnen sind kaum ausreichend, um Inklusion und Teilhabe zu erreichen.

Es ist vielmehr notwendig, von der Normalität migrationsbedingter Heterogenität auszugehen und über das inklusive und transformative Potential von Migrationsgesellschaften nachzudenken. Welches könnten die reflexiven Inklusions- und Diversitätsstrategien sein, die der multidimensionalen Diversität von Migrationsgesellschaften gerecht werden? Wie kann eine offene Gesellschaft ihr Selbstbild verändern und Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die vielfach ungleichen Ausgangsbedingungen und Ressourcen respektiert und ausgeglichen werden? Welche Bündnis- und Kooperationsformen sowie emanzipatorisch-transformative Akteursfigurationen haben sich in den letzten 10 Jahren bereits entwickelt und wie wandeln sich zivilgesellschaftliche Strukturen und Prozesse im Hinblick auf einen migrationsgesellschaftlichen Zusammenhalt?

Diesen und weiteren Fragen gilt es in diesem Forschungscluster nachzugehen. Die Perspektiven können dabei so unterschiedlich sein wie die Disziplinen, die sich mit solchen Themen befassen.

 

 

Clustersprecher:
Prof. Dr. Gerd Mutz
Prof. Dr. Gerd Mutz ist promovierter Volkswirt und habilitierter Soziologe. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen in der Wirtschafts- und Arbeitssoziologie, Care Ökonomie, Soziologie zivilgesellschaftlicher Entwicklung und Soziologie der Nachhaltigkeit. Gerd Mutz war Mitglied der Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestags und im Nationalen Beirat des EU-Aktionsprogramms JUGEND. Er war Vorstand von BenE München e.V., einem Regional Centre of Expertise der UN-Weltdekade 2005 – 2014.

Kontakt: gerd.mutz@hm.edu