Fluchtursachenforschung, Forschung im Fluchtkontext

 

Rahmenverständnis des Clusters

Der Schwerpunkt „Fluchtkontext, Fluchtursachenforschung“ des Netzwerks Migrations- und Fluchtforschung Bayern (NeMiF) bringt Forschungsprojekte und -vorhaben verschiedener sozial- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen zueinander, die Migration nicht nur im Ankunftskontext, sondern (auch) im Kontext ihres Entstehens und ihres Verlaufes untersuchen. In der Alltagspraxis der Flüchtlingsarbeit (Unterbringung und Betreuung, Bildung und Beratung u.a.) ebenso wie in der integrationsorientierten Migrationsforschung im Ankunftsland fehlt häufig substantielles Wissen zu Herkunftskontext, Fluchtbedingungen und Migrationsverlauf. Ein rudimentäres Verständnis davon muss – auch wegen der sehr verschiedenen Herkunftsländer – oft ausreichen, bestärkt aber auch essentialistische Vorstellungen nationaler Herkunftskultur. Die Kenntnis des Herkunftskontextes, der Fluchtumstände und -motivation erlaubt sehr viel tiefere, detaillierte und vor allem differenzierende Einsichten, die über unzulängliche Generalisierungen hinausgehen und für eine valide wissenschaftliche Einschätzung wie auch für einen praktischen Berufsalltag in der Flüchtlingsarbeit eigentlich unerlässlich sind.

Zählt im Asylverfahren in europäischen Ankunftsländern in erster Linie die unmittelbare Landesflucht, die individueller, im weiteren Sinne politischer Verfolgung geschuldet sein muss, so gestalten sich auch anschließende Migrationsetappen, die mitunter Jahre dauern können, als prägend. Es ist zu erwarten, dass hier gemachte Erfahrungen – Diskriminierung, Ausbeutung, Bedrohung, Gewalterfahrungen, Armut, Ungewißheit und Perspektivlosigkeit über lange Warteperioden hinweg etc. – im Denken, Handeln und Fühlen Betroffener auch nach Ankunft eine Rolle spielen werden. Eine pragmatische Fluchterzählung mag diese jedoch zugunsten ursprünglich asylrelevanter Gründe zurückstellen. Da ein Erinnern nach Ankunft auch nicht unbedingt im Interesse Betroffener sein muss, besteht die Gefahr, die Migration zwischen Herkunfts- und Ankunftsland als eindrückliche und nachwirkende Lernperiode unterzubewerten. In der Migration gelerntes Handeln – Misstrauen gegenüber nationalen Behörden und internationalen Agenturen, Vertrauen in informelles Handeln oder auch ein Alltag ohne Schule und elterliche Bevormundung bei Minderjährigen – wird vielleicht als grundlegende Herkunftskultur und zivilisatorische Unterentwicklung unterstellt. Etwaige Traumatisierungen und fortdauernde Belastungen, für die tatsächlich Möglichkeiten der Abhilfe bestünden, bleiben leichter unerkannt. Gleichermaßen kann eine Migrationsmotivation, die nicht nur die unmittelbare Landesflucht, sondern auch die Konzeption eines besseren Lebens anderenorts umfasst, nicht einfach behauptet werden, sondern muss in empirischer Forschung und mit Blick auf kulturelle Vorstellungswelten, transnationale Bezüge und Kommunikation, politische Entwicklungen und deren Wahrnehmung erschlossen werden. Alleine über individuelle Fluchterzählung und zugeordnete Kategorien von Herkunftsland, Geschlecht, Alter und Bildungsgrad wird dies kaum zu leisten sein.

In unserem Verständnis bilden Migration, Flucht und Ankunft eine übergreifende Gesamtstruktur, die regional weit über EU hinausgeht und Migrierende und Flüchtende in dieser gleichermaßen volatilen wie politisch aushärtenden Gesamtstruktur situiert. Sozialisation im Herkunftskontext, Fluchterfahrung und diasporische Einwebung erzeugen schließlich Handlungsdispositive, die in ein Leben nach Ankunft hineinreichen werden.

Das Cluster strebt Forschungsprojekte, Förderungen und Publikationen an, die diesen Zusammenhang zum Thema nehmen.

 

 

Clustersprecher:
Prof. Dr. Magnus TreiberMagnus Treiber ist Professor am Institut für Ethnologie der LMU München. Er hat dort 2005 zu städtischen Lebenswelten junger Erwachsener in der eritreischen Hauptstadt Asmara promoviert (Der Traum vom guten Leben, LIT-Verlag 2005) und 2016 an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth zur ‚Migration aus Eritrea‘ habilitiert (Reimer 2017). Zuvor war er als Assistent und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bayreuth und als Assist. Prof. an der Addis Ababa University in Äthiopien tätig. Neben seinem regionalen Interesse am Horn von Afrika und dem Schwerpunkt Migrationsforschung setzt er sich mit ethnologischer Theorie und Methode, Stadtforschung, Interdisziplinarität, Existenz und politischer Kultur auseinander.

Kontakt: Magnus.Treiber@ethnologie.lmu.de